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Mittwoch, 2. Dezember 2015

Bundestagsvize entsetzt über die Zustände am #LaGeSo

Vorwort:

Sehr geehrte Frau Bundestagsvizepräsidentin,

ihrem Schreiben stimme ich aus vollem Herzen zu!

Es ist einfach nur U N E R T R Ä G L I C H!

Der Blogger


http://www.spiegel.de/politik/deutschland/lageso-claudia-roth-wirft-berlin-koordinierte-verantwortungslosigkeit-vor-a-1065663.html

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth hat das Berliner Lageso besucht - und ist fassungslos über die Zustände bei der Flüchtlingsaufnahme. In einem Brief macht die Grünen-Politikerin SPD-Regierungschef Müller schwere Vorwürfe. 

Hier der Brief im Wortlaut (Hervorhebungen und Unterstreichungen durch den blogger):
 

Berlin, 1. Dezember 2015

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
lieber Michael Müller,

ich habe gestern am frühen Morgen das Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in der Turmstraße besucht. Nach den schockierenden Medienberichten über die verheerenden Zustände dort für die wartenden Geflüchteten wollte ich mir selbst ein Bild von der Situation der Menschen auf dem Gelände machen. Christiane Beckmann, ehrenamtliche Helferin der Initiative „Moabit hilft“, sowie Diözesancaritasdirektorin Prof. Dr. Ulrike Kostka haben mich vor Ort begleitet und mir wichtige Hintergrundinformationen und Erklärungen geben können, ich konnte mich mit vielen Geflüchteten an den unterschiedlichsten Wartestellen, mit Mitarbeitern der Security, des LaGeSos und auch der Polizei über die Situation und ihre Einschätzung unterhalten. Am Ende meines Besuchs fand auch ein längeres Gespräch mit dem Leiter des LaGeSos, Herrn Franz Allert, in seinem Büro statt.
Wie Sie vielleicht wissen, komme ich selbst aus Bayern. Ich habe dort sehr viele Flüchtlingsunterkünfte besucht, war in Passau und am Münchner Hauptbahnhof, als dort die vielen Menschen aus Ungarn und Österreich ankamen. Ich muss Ihnen sagen, dass ich dort nicht einmal zu Hauptstoßzeiten auch nur im Entferntesten vergleichbare Zustände gesehen habe, wie ich sie gestern am LaGeSo leider erleben musste.
Die Eindrücke, die ich während meines Besuches, durch die Gespräche mit den verschiedenen Menschen und durch bloße Anschauung der Lage gewonnen habe, sind erschreckend und einer demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft nicht würdig: hunderte, vielleicht auch tausende Menschen, die sich ohne jede Information durch Behördenmitarbeiter verzweifelt und nun auch unter widrigsten Witterungsbedingungen auf dem Gelände bewegen und umherirren, auf der Suche nach einer Möglichkeit, Gehör für ihr Anliegen zu finden. Frauen, Männer und (Klein)Kinder, Schwangere, Verletzte, Alte, Kranke und Behinderte, die völlig entkräftet und verzweifelt ihre Papiere den Mitarbeitern der Security zeigen, in der Hoffnung, Einlass in das Behördengebäude zu erlangen. Menschen, die stunden-, ja tagelang in Warteschlangen ausharren, zum Teil in Schlamm, Regen und Sturm, oder dicht gedrängt in abgesperrten Bereichen in Zelten oder in den Behördengebäuden, ohne Garantie, dass sich dieser Leidensweg für sie lohnt und sie es schaffen werden, bis zu einer Sachbearbeiterin oder einem Sachbearbeiter vorzudringen, die oder der sich ihres Falls annimmt. Oftmals werden sie für ihr Warten, für ihre Duldsamkeit und ihre Anstrengungen mit barschen Worten oder rüdem Anschreien durch die Sicherheitskräfte „belohnt“, oder sie werden, nach stundenlangem Warten, wieder abgewiesen mit dem Hinweis, es am nächsten Tag wieder versuchen zu müssen. Eine Bürgerinitiative „Moabit hilft“ oder die Caritas, die staatliche Aufgaben übernehmen und im anziehenden Winter überlebensnotwendige Hilfe leisten.
Ich habe Menschen getroffen, denen es seit Wochen nicht gelingt, in das Gebäude zu gelangen oder geschweige denn zu einem Sachbearbeiter vorgelassen zu werden. In sehr vielen Fällen heißt das, dass diese Menschen ohne Unterkünfte bleiben und in der Obdachlosigkeit verharren, und dass sie ohne jede Einkünfte und Versorgung bleiben, weil sie keine Chance auf Bearbeitung ihrer Papiere haben. Nach Aussage von Herrn Allert sollte dieser Zustand nun zwar beendet sein, da die Reihenfolge, nach der die Menschen drankommen, nicht mehr danach ginge, wer zuerst in der Reihe steht, sondern danach, wer bereits am längsten auf die Bearbeitung seiner Angelegenheiten wartet. Doch ich habe auch Personen getroffen, denen bei jedem Besuch schriftlich ein neuer Termin ausgestellt wurde, ohne dass ihre Angelegenheiten jedoch jemals bearbeitet wurden, so dass diese Menschen nicht einmal mehr beweisen konnten, dass sie bereits wochenlang auf ihre Bearbeitung warteten und so weiterhin keine Chance haben, vorgezogen zu werden. Diese Situation ist kafkaesk.
Doch ich bin mir sicher, lieber Herr Regierender Bürgermeister Müller, sie kennen all diese von mir beschriebenen Zustände allzu gut. Schließlich sind diese nicht neu, sondern dauern bereits seit Monaten an. Und schon am 12. November haben Sie sich in Ihrer Regierungserklärung im Berliner Abgeordnetenhaus dazu geäußert mit den Worten: „Wir haben dort unakzeptable Zustände. Ich will diese Bilder dauerhaft nicht mehr sehen.“ Es gibt diese Bilder leider immer noch und für die Menschen vor dem LaGeSo hat sich seitdem nichts gebessert.
Den Geflüchteten vor dem LaGeSo wird mitten in Deutschland, mitten in der Hauptstadt unseres doch eigentlich gut organisierten Landes die Menschenwürde genommen. Und das, nachdem diese Menschen oftmals in ihren Herkunftsländern, wo Krieg, Gewalt und Terror herrschen, und auf ihrer lebensgefährlichen Flucht ähnliche Erfahrung machen mussten und sich deswegen zu uns auf den Weg gemacht haben. Sie haben gehofft, in Deutschland nicht nur Sicherheit und Frieden, sondern auch eine menschenwürdige Behandlung und eine Perspektive für ihre Zukunft zu finden.
Doch in Berlin finden viele von ihnen das Gegenteil. Einzelne Personen, individuelle Persönlichkeiten mit ihren jeweils ganz unterschiedlichen Eigenschaften, Bedürfnissen, Talenten und Fähigkeiten werden durch die Situation, in die man sie auf dem Gelände des LaGeSo bringt, dazu gezwungen, in einer „Masse Mensch“ aufzugehen, die schreit, drückt, bettelt, weint und verzweifelt. Ich empfinde das wie eine koordinierte Verantwortungslosigkeit, Demütigung und Entwürdigung, was hier in Berlin stattfindet. Aber das darf doch von Ihnen, aber auch von uns allen als Mitmenschen nicht zugelassen werden, wenn wir Artikel 1 Grundgesetz ernst nehmen wollen, der uns nicht nur an die Unantastbarkeit der Menschenwürde erinnert, sondern auch aller staatlichen Gewalt die Verpflichtung auferlegt, diese zu achten und zu schützen.
Viele der Geflüchteten fühlen sich angesichts eines solchen Systems ohnmächtig, hilflos und wie in einem Albtraum gefangen. Auch besteht die Gefahr, dass wir Menschen, die wir tage-, wochen- oder teils monatelang ohne Betreuung, ohne Chance auf Gehör und ohne Versorgung ihrem Schicksal in einer für sie fremden Umgebung und der Demütigung eines unmenschlichen Systems überlassen, an jene viel beschworenen „Parallelgesellschaften“ aus Kriminalität und Extremismus verlieren, welche ihre Regierung – wie die Regierungen aller Bundesländer – doch besonders vermeiden wollen. Am LaGeSo geht es also nicht nur um das Schicksal und die Würde hunderter geflüchteter Menschen, sondern auch um die Zukunft und die Lebensqualität der Großstadtgesellschaft Berlins.

Ich bitte Sie deshalb inständig und appelliere an Ihre Mitmenschlichkeit und Ihre politische Verantwortung: Beenden Sie diese unmenschliche und unwürdige Situation für die Menschen am Berliner LaGeSo und sorgen Sie dafür, dass all diese Menschen zeitnah ihre Papiere, eine Unterkunft und ihre Geldleistungen erhalten. Machen Sie Gebrauch von der Flexibilität, welche Bundeskanzlerin Merkel von uns allen in dieser Situation eingefordert hat, und leisten Sie unbürokratische, schnelle und menschliche Hilfe, so wie das in anderen Bundesländern bereits gelingt.

Bitte nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr und sorgen Sie dafür, dass Berlin zeigt, was Willkommenskultur wirklich heißt, und dass die Menschen in Deutschland wieder stolz auf ihre Hauptstadt sein können.

Mit freundlichen Grüßen

Claudia Roth



Montag, 12. Oktober 2015

Offener Brief an Herrn RegBM Müller:

Sehr geehrte Herr Müller,
dieses offene Schreiben erhalten Sie im Namen vieler Flüchtlingsinitiativen in Charlottenburg-Wilmersdorf. Gemeinsam sind wir mit vielen hundert Helfern im Rathaus Wilmersdorf, der Messehalle, dem Olympiapark, der Eschenallee, Kaiserdamm, Soorstrasse, Rognitzstrasse, der Brandenburgischen Strasse aber auch vor dem LaGeSo aktiv.

Entsetzt haben wir aus der Presse erfahren, dass die Eröffnung der neuen Dependance des LaGeSo in der Bundesallee diese Woche die Anzahl der Menschen nicht steigern wird, die pro Tag in Berlin als Asylsuchende registriert werden. Nach den veröffentlichten Zahlen werden pro Arbeitstag in Berlin 100 Menschen in der Turmstrasse (demnächst Bundesallee) und 100 Menschen in der Kruppstrasse als Asylsuchende registriert. Allein im Monat September sind über 16.000 geflüchtete Menschen in Berlin neu angekommen von denen danach  vermutlich 12.000 nicht als Asylbewerber registriert wurden. Sie haben kein Geld, keinen Krankenschein, keinen Berlinpass um mobil zu sein und viele noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Die Zugangszahlen werden auch im Oktober auf einem ähnlich hohen Niveau bleiben, damit verlängert sich die Schlange unregistrierter Asylbewerber pro Tag um mindestens 400 Menschen. Selbst wenn wie versprochen, die Zahl der bearbeiteten Fälle bis Ende Oktober auf 450 gesteigert werden soll, reichen diese Kapazitäten nicht aus, die Neuzugänge zu bearbeiten, von einer Abarbeitung des Rückstaus kann gar keine Rede sein.

Dieses "Berliner Modell" der menschenrechtswidrigen Behandlung geflüchteter Menschen ist in Deutschland einzigartig, nur hier ist die Verwaltung auch nach Monaten nicht in der Lage, Kapazitäten aufzubauen, um die Menschen zu registrieren und ihnen damit Zugang zu einer elementaren Grundversorgung zu ermöglichen.

Bitte stoppen Sie sofort die Umzugspläne in die Bundesallee und gestalten Sie sie neu nach den tatsächlichen Notwendigkeiten. Es ist zynisch, die Bundesallee zu einem Prestigeobjekt auszubauen, in dem 100 Asylbewerber an einem Tag das komplette Paket inkl. Asylantrag und evtl. Entscheidung erhalten, während draussen täglich hunderte Menschen mehr unterhalb des Existenzminimums warten müssen.   Die nach aussen deutlich sichtbare Verbesserung der Arbeit der BUL seit Einrichtung der Task Force Unterbringung zeigt, dass Verhältnisse auch innerhalb von Verwaltungen sich kurzfristig verändern lassen, bitte tun Sie dies jetzt auch bei der Registrierung neu ankommender Menschen!

Es muss jetzt darum gehen, dass mit dem Umzug in die Bundesallee folgende Mindestbedingungen erfüllt werden:
1. Die Kapazitäten neu ankommende Menschen als Asylbewerber zu registrieren, ihnen Taschengeld, Krankenscheine, Berlinpässe  und Kostenübernahmen für Unterkünfte auszuhändigen müssen dem tatsächlichen Bedarf entsprechen - in der Bundesallee und in der Kruppstrasse entstehen Kapazitäten 800-1000 Menschen pro Tag neu zu registrieren.
2. Jeder neu nach Berlin kommende Mensch erhält am Tag der Ankunft ein Dach über dem Kopf - unabhängig von der Frage, ob er registriert wurde oder nicht. Zu diesem Zweck entsteht eine rund um die Uhr und auch am Wochenende besetzte Anlaufstelle, von der aus die Menschen in NUK verteilt werden.
3. In dieser Anlaufstelle werden auch Härtefälle identifiziert, die mit Vorrang zu bearbeiten sind.
4. Medizinische Notfälle haben am gleichen Tag noch Zugang zu adäquater medizin. Versorgung in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen der Regelversorgung - an der ZAA ist lediglich ein Sanitätszimmer mit Rettungssanitätern notwendig.
5. Jeder neu nach Berlin kommende Mensch erhält in der Bundesallee noch am gleichen Tag eine Wartenummer mit der Aussage darüber, an welchem Tag und um welche Uhrzeit ca. mit dem Aufruf der Nummer zu rechnen ist. Das versetzt die Menschen in die Lage in ihren Unterkünften und nicht vor dem LaGeSo auf ihren Termin zu warten.
6. Es gibt ein geregeltes und zeitlich absehbares System der Abarbeitung des Rückstaus an nicht registrierten Menschen. Die Menschen, die bereits jetzt in NUK untergebracht sind, werden von dort mit Bussen zu zuvor festgelegten Terminen zur Registrierung gebracht, die Registrierung erfolgt dort mit Wartezeiten von max. 4 Stunden.
7. Kein Mensch verbringt länger als eine Woche in Berlin ohne als Asylsuchender registriert zu sein.

Wir als Ehrenamtliche in Charlottenburg-Wilmersdorf sehen sehr gut, vor welche Herausforderungen die Ankunft so vieler Menschen das Land Berlin und insbesondere das LaGeSo stellt. Wir sind als Freiwillige sehr gerne bereit, unseren Teil dazu beizutragen, dass die oben beschriebene Struktur verwirklicht werden kann. Wir sind bereit mit ehrenamtlichen Sprachmittlern Formulare schon einmal vorauszufüllen, um die eigentliche Registrierung zu beschleunigen, wir sind bereit uns schulen und als Freiwillige verpflichten zu lassen bei der eigentlichen Registrierung zu helfen. Wr sind bereit zu helfen die Anlaufstelle für Neuankömmlinge rund um die Uhr und auch am Wochenende mit Hauptamtlichen gemeinsam zu besetzen, wir informieren in den NUKs die Menschen darüber, wie das Registrierungsverfahren läuft, wir investieren viele hundert Stunden pro Tag, um zu helfen die Menschen in den NUKs aufzunehmen und zu versorgen.
Wir sind bereit dem Land Berlin zu helfen seine Verpflichtungen gegenüber schutzsuchenden Menschen nachzukommen.

Aber wir sind nicht bereit
- sinnlos tage- und wochenlang wartende Menschen mit Essen zu versorgen
- Schlafsäcke und Regenplanen an Menschen zu verteilen, die Nachts in der Turmstrasse oder am Bundesplatz campieren
- gestrandete Menschen jeden Abend neu über die Stadt in Privatquartiere zu verteilen
- freiwillige Ärztinnen und Ärzte für eine Barfussmedizin, nahezu wie im Dschungel, einzusetzen, in einer Stadt, die mit Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen hervorragend versorgt ist
- Tausende € an Spendengeldern einzuwerben für Dinge, auf die die Menschen einen gesetzlichen Anspruch haben
- die existenzielle Not der Menschen zu ertragen und zu lindern, die durch falsche Organisationsstrukturen entsteht.

Wir helfen gerne, wenn unsere Arbeit dazu dient, Schutz suchende Menschen menschenwürdig zu behandeln und ihre Lage nachhaltig zu verbessern - deshalb helfen wir auch gerne, wenn es um die strukturelle Verbesserung der Arbeit des LaGeSo geht. Wir sind aber nicht bereit, wie Don Quichote, gegen die nicht enden wollenden existenziellen Folgen und die eigene Verzweiflung anzukämpfen, die durch das Versagen der Organisationsstrukturen des Landes entstehen, wenn nicht klar ist, dass überhaupt die Absicht besteht, diese Strukturen kurzfristig deutlich zu verbessern.

Mit freundlichen Grüßen

stellvertretend für die Initiativen Willkommen im Westend, Willkommen in Wilmersdorf, Charlottenburg hilft, Initiative Klausener Platz

Amei v. Hülsen-Poensgen



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